Oldenburg 08.06.1885 von
Thomas Sävert
Umgebungskarte
(Auszug aus Top200, Bundesamt für Kartographie und Geodäsie)
Aus einer Meldung der Illustrierten Zeitung vom 04.07.1885: "Eine Windhose. Unter den Naturerscheinungen, welche zeitweilig in Begleitung der Gewitter in den gemäßigten Klimaten jedoch sehr selten auftreten, sind wol die Windhosen von der verheerendsten Wirkung. Die Ursache dieser Erscheinung sind verschiedene Luftströme in den oberen Schichten der Atmosphäre, welche daselbst aufeinandertreffen und so eine wirbelnde Bewegung veranlassen. Sind nun diese Luftströme heftig, ihre Temperatur und ihr Dunstgehalt sehr verschieden, so wird der letztere sehr schnell verdichtet; während aber bei den gewöhnlichen Wirbeln die leichten Körper in die Höhe steigen, werden hier die Dunstbläschen von oben nach unten geführt, wobei die Masse der Wolke von der Erde aus an Dicke abnimmt. Welche verheerenden Wirkungen solche Windhosen ausüben, zeigte sich bei dem am 8. Juni bei der Umgegend von Oldenburg aufgetroffenen Gewitter. Am 8. Juni zog dort bei ziemlich lebhaftem Ostwinde zwischen 4 u. 5 Uhr nachmittags im Südwest ein Gewitter auf, welches mit heftigen Blitzen und Donnern sich langsam näherte. Während das Gewitter in nicht sehr schneller Bewegung sich am westlichen Horizont nach Norden hin schob, wehte die untere Luftströmung aus Osten, die niedrigste Wolkenschicht kam sehr schnell aus Süden, eine obere aus Osten. An mehreren Stellen des Himmels war ein Gegenstauen und Zusammenfließen der Wolken zu bemerken; plötzlich setzte eine harte Südwestströmung ein, und es begann ein ganz eigenthümlicher Kampf der verschiedenen Windströmungen und ein unbeschreibliches Spiel der Wolken: ein Packen und Jagen, ein Schieben, Wirbeln und Wogen, wovon sich keine Beschreibung geben lässt. Am südwestlichen Himmel wirbelten schwarze Wolkenmassen wild um sich herum, senkten sich zur Erde herab, wurden dann vom Sturm ergriffen und heftig weitergeschleudert. Es war außer allem Zweifel, dass dieser düstere wilde Wirbel eine Windhose sei; plötzlich packte ihn eine Luftströmung und riß ihn in halber Höhe auseinander, die eine Hälfte senkte sich zur Erde herab, wo sie sich nach ungefähr einer Minute zertheilte, die andere Hälfte wurde in großem Bogen nordwärts geschleudert und begann ihren Verheerungszug. Von der Petersfehner Chaussee her war der Wirbel quer durch beide Baumreihen der Ofener Chaussee gebrochen, auf das Armenhaus zugegangen und dann unweit desselben an der Eisenbahn auseinandergeflossen. Von der gewaltigen Wucht des Wirbels geben unsere nach photographischen Aufnahmen reproducirten Abbildungen (S.20) den augenfälligsten Beweis. Neben vielen kleineren umgerissenen Bäumen fiel besonders eine gesunde mannsdicke Eiche in der nördlichen Baumreihe auf, welche in einer Höhe von 2 Mtr. über dem Boden abgedreht und dann zur Seite geschlagen wurde; ein Ast derselben, von der Größe eines mäßigen Apfelbaums, ist 200 Schritte weit fortgeschleudert worden. Am grauenvollsten sind die Nadorster Fluren betroffen, und der Anblick des Trümmerfeldes der Wohnungen erinnert lebhaft an die schrecklichen Folgen eines heftigen Erdbebens. Gegen 20 Fuß lange Balken von einem Neubau sind mehrere hundert Schritte durch die Luft getrieben; an manchen Häusern ist nur noch das Fach- und Sparrenwerk übrig, während von vielen kleinern Gebäuden sozusagen kein Stein auf dem andern geblieben ist; dieselben bilden wüste Trümmerhaufen. Die von den Ausläufern der Windhose betroffenen Dächer sind arg zerzaust, sodaß dieselben meistens einer Neuherstellung unterzogen werden müssen. Von den Bewohnern der vewüsteten Häuser hat glücklicherweise niemand Schaden genommen, und der werkthätigen Menschenliebe wird es hoffentlich bald gelingen, die Spuren der grauenhaften Naturerscheinung zu verwischen."

Oldenburg 1
Oldenburg 2


zur Tornadoliste von Thomas Sävert

zur Homepage von Thomas Sävert