Sehnsen (Niedersachsen),
Estorf (Niedersachsen),
Leeseringen (Niedersachsen)

 11.07.1885 / Stärke (F2) Verdacht
Aus einer Meldung der Schaumburg-Lippischen Landeszeitung vom 18. Juli 1885: "Stolzenau, 11. Juli. Eine Windhose, verbunden mit furchtbarem Regen und Hagelschlag, hat, wie das "Stolzenauer Wochenblatt" meldet, einen Theil unsere Gegend heimgesucht und viel Unheil und Schaden angerichtet. Die Windhose berührte namentlich die Ortschaften Sehnsen, Holzhausen, Kohlenweihe, Anemolter, wo stellenweise durch die entsetzlichen Wirbelwinde und die fürchterlichen Regen- und Hagel-Niederschläge sehr viel Schaden an Korn-, Hack, und Gartenfrüchten, sowie den Bäumen angerichtet wurde; während man in Stolzenau zu derselben Zeit nur von einigen leichteren Windstößen und wenigem Regen bedacht wurde. - Von Anemolter nahm das Unwetter seinen Weg über die Weser an Landesbergen vorbei, das glücklicher Weise nur in geringem Maße berührt sein soll, nach Estorf, wo es aber wieder entsetzlich wüthete. Nach den Aussagen von Augenzeugen soll der Ort von allen Seiten aussehen, als sei er durch eine regelrechte Kanonade zerstört, Fünf größere und kleinere Wohn- und Stallgebäude sollen durch die Gewalt des Orkans völlig auseinander geworfen sein, aber fast jedes Haus irgendeinen Schaden am Dach oder so erlitten haben. Auf der Straße nach Nienburg soll der Sturmwind dicke Bäume um sich selbst gedreht und förmlich zerquetscht haben, andere sind mit den gesamten Wurzeln ausgerissen und unzählige kleine Bäume liegen entwurzelt da. In Leeseringen hat das Unwetter ebenfalls entsetzlich gewüthet. Hier trug sich durch einen sogenannten kalten Schlag auch noch ein Unglück zu. Zwei Gespanne des Herrn Brennereibesitzers Schulze-Berge in Leese waren nach Nienburg gewesen und hatten Malz geladen, als in Leeseringen das Unwetter sie überraschte. Kurz entschlossen suchten sie in einer großen Scheune eines dortigen Hofen Unterkommen. Die Fuhrleute hatten aber die Pferde und Wagen untergebracht, als ein heftiger Blitzstrahl die untere Seitenwand des Gebäudes erschütterte, ein Pferd sofort tötete und die anderen derart verletzte, daß sie noch nicht nach Leese transportirt werden konnten; der Blitzstrahl fuhr wieder zum Dach hinaus. Unmittelbar nach dieser Katastrophe faßte die Windhose das offen stehende Gebäude, der Wind verfing sich in der Öffnung und warf im Nu das ganze Dach und einen Theil der Wände der Scheune mit einer Kraft auseinander, als wenn das Haus eine Seigenblase gewesen wäre, Pferd und wagen und Leute mit Stein- und Holzstücken bedeckend und streifend. Einzelne Holzstücke sollen wie im Wirbel hoch in die Luft getrieben sein. Die Fuhrleute sind zum großen Glück mit dem bloßen davon gekommen." - Aus einer Meldung der Neuen Deisterzeitung vom 18. Juli 1885: "Ein furchtbares Unwetter hat am 13. d. M. in Estorf und Leeseringen gewüthet, und, wenn auch in seinem heftigsten Stadium nur wenige Minuten andauernd, Spuren gräßlicher Verwüstungen zurückgelassen. Der Himmel war von verschiedenen Seiten mit Gewitterbildungen bezogen, welche gegen 5 Uhr näher kamen und einen bedrohlichen Charakter annahmen. Eine unverhoffte Finterniß machte sich bemerkbar, ein dumpfes Brausen erschütterte die Luft, als plötzlich ein heulender Windstoß die Bäume in ihren Gipfeln packte. Dann zog ein mit ungeheurer Schnelligkeit entfesselter Orkan über die Erde hinweg, die er in seinem Ungestüm reinfegen zu wollen schien, und in sein Lied mischte sich das Rauschen des wolkenbruchartig herabstürzenden Regens, das Krachen des rollenden Donners, und über dieses wilde, ungezügelte Ringen und Toben warfen die Blitze ihr grelles Licht. Dächer wurden abgedeckt, Umzäunungen losgerissen, Bäume von respektablem Alter, darunter mehrere Eichen, die bisher jedem Unwetter standhaft getrotzt, wie ein Schwefelholz geknickt und entwurzelt. Kleine Hütten im Freien wurden über den Haufen geblasen, wie ein Kartenhaus, selbst festgebaute Scheunen, 5 an der Zahl, welche der Gewalt des Sturmes voll ausgesetzt waren, und deren gutes Material sich wohl einen Augenblick gegen die Vergewaltigung sträubte, mußten dem Anprall schließlich weichen. Prasselnd stürzten die Gebäude zusammen. In einer Scheuer zu Leeseringen hatte der auf der Tour befindliche Knecht des Herrn Brennereibesitzers Schulze-Berge in Leese Unterschlupf mit Gespann und 4 Pferden gesucht, als das Haus einstürzte. Dem Knechte gelang es, sich zu retten, ein Pferd wurde unter den Trümmern begraben und war auf der Stelle todt. Dagegen scheinen die anderen Thiere mit einigen ungefährlichen Kontusionen (Anm.: Prellungen) davongekommen zu sein. Eine große Panik bemächtigte sich der Bewohner, viele stürzten aus ihren Häusern, aus Furcht, daß diese unter der Wucht des Sturmes demselben nicht stand halten würden, andere riefen um Hilfe oder stießen Jammerrufe aus, die ungehört in dem brausenden Getöse verhallten. Leute, welche der Orkan auf dem Felde überrascht hatte, wurden, wie Augenzeugen mittheilten, von der Gewalt des Unwetters umhergeworfen und fortgeschleudert." - Der Fall ist nur als Verdachtsfall eingetragen, da die genaue Zuordnung der Schadenorte zu dem Ereignis nicht klar ist. Die Orte liegen nicht auf einer Linie.